Local Talk

 

Man hatte es schon eine Woche zuvor gehört: Bischi wird im Corona spielen. Und Benny. Und man wird sicher vorbeischauen. Er sei ja ein super Gitarrist. Mit Kontakten nach Amerika. Westcoast natürlich. Los Angeles. Peter Wolf. Der habe jetzt ein Studio im Lande. Mit dem habe Bischi schon irre Sessions gemacht.

Er sei auch gar nicht eingebildet. Man könne mit ihm reden. Aber nicht jeder dürfe Bischi zu ihm sagen. Bischi darf man ihn nur nennen, wenn man mit ihm Whiskey on the Rocks getrunken habe. Nein, leben könne er nicht von der Musik, er habe einen Beruf - niemand weiß genau, wie er seine Kohle verdient. Er sei defintiv nicht self employed. Irgendwie in der Revitalisierungs-Branche. Gebäudesanierung oder sowas. Seine Stimme sounde vom vielen Trinken (daß er viel raucht, konnte nicht bestätigt werden) richtig bluesig.

Unbewußt werfe er mit der rechten Hand seine langen blonden Haare über die Schulter. Früher habe er ziemlich hochgezüchtete Autos gefahren. Pickups vielleicht. Oder einen Mustang, von drüben importiert. Rot und getunt. Nein, nein, jetzt sei er mit einem Golf unterwegs. Sind ja verläßliche Autos mit hohem Wiederverkaufswert. Ja, im schwarzen Golf sehe man ihn oft durch Bregenz düsen.

Eigentlich sei das Corona ja viel zu klein für einen Live-Gig. Klaustrophobisch klein. Aber es sei nett dort. Und wenn Bischi spiele, müsse man schon hingehen. Es werde sicher gut. Alte Freunde treffe man immer bei einem solchen Event.

- Soll ich dir was holen, fragte Andrea.

Ich wußte, daß ich ihr auf dem Weg zur Bar nur im Wege stehen würde, sagte also ja. Ein Pfiff bitte. So hießen hierzulande die kleinen Bier. Und die flossen heute Nacht reichlich. Sie quetschte sich durch die Leute und mein Blick fiel auf ihren Hintern. Eine Frau streifte an mir vorbei, ich konnte ihre Brüste spüren. Parallel zu Andreas buttocks auf der optischen Ebene und der Brust-Berührung auf haptischem Level, setzte Bischi jetzt akustisch ein Signal. Er eröffnete mit Feeling allright. Ich fühlte mich wirklich nicht schlecht. Das sollte ich allerdings noch bereuen.

Auf einem kleinen Klinker-Podest, im Vorraum der Bar stehend, schaute ich mich um. Von hier aus führte eine Treppe hinunter, dorthin, wo alle Besucher standen, tranken, quatschten, sich umschauten, zuhörten. Von oben hatte ich einen Teilblick auf die Band, aber es was zumindest nicht so eng wie dort unten. Ich fing den einen oder anderen Flirt eines Girls auf. Ich konnte rauchen, ohne daß meine Zigaretttenglut Löcher in die Jacke eines Fremden fraß, ich konnte mich mit Andrea und Margot unterhalten, ohne daß ich direkt in ein Ohr schreien mußte.

Das Bier, das mir Andrea brachte war kühl gewesen. Ein erster leckerer Schluck, dann begann es langsam warm zu werden. Die Hitze im Corona stieg. Jetzt kippte man die Drinks schneller. Die Augen der Mädchen-Jäger wurden wässerig. Man begrüßte später eintreffende Freunde mit kräftigem Schulterklopfen. Feeling allright. Having a good time. Steve Winwood läßt grüßen, dachte ich. Nur mit einem Unterschied. Als Winwood mit Traffic die Charts stürmte, gab es das noch wirklich, was man hier verzweifelt suchte: Einen Alltags-Cocktail aus Drogen, Sound und Sex. Das verlorene Paradies? Ich weiß es nicht. Die Sixties? Habe ich nicht erlebt. Die sexuelle Revolution? Darüber wurde viel geschrieben, stimmt. Hippies? Soll es auch bei uns gegeben haben. Magic Mushroms, Acid, Marihuana? Am Wochenende vielleicht mal probiert, weil montags wurde ja wieder gearbeitet.

- Mit dir küsse ich nicht, lachte mich Andrea an.

Unser standard-joke. Sie behauptete stur, daß ich dauernd mit ihr küssen wolle, wann immer wir uns treffen. No comment. Nach meinem 3. Bier wollte ich mich nicht in Grundsatzdiskussionen mit ihr einlassen. Wir waren Freunde. Wir küßten nicht. Schade, eigentlich. Das wär' schon was. Knutschen mit Andrea könnte die Kugel ins Rollen bringen. Sie, die Küsserkönigin, ich der nur-auf-die-Wangen-küssende-Ungeküßte. Die Nacht war noch jung, die meisten, die hier rumstanden und zuhörten schon ziemlich alt, sprich um die 35 bis 40.

Die nächste Cover-Version flutschte aus den Boxen. Stimmung steigend. Füße im Beat mitgehend. Körper leicht mitschwingend. Gläser klirrend. Hände schwitzend. Titten exponiert. Eine blonde Frau im roten Tshirt entblößt ihre Zähne beim Lachen. Schlimmes Zeichen. Die Oberlippen raufgezogen - ja sie ist wirklich gut drauf - lacht sie in die Runde und hört nicht mehr auf. Gut drauf. Ja wirklich. Löst bei mir eine spontane Gänsehaut aus.

Man müsse nur noch ein wenig zuwarten, dann werde es hier noch würzig, verrät mir ein Bekannter. Was er damit meint, bleibt komplett im Dunkeln, obwohl die Spots von der Bühne her ziemlich viel Licht in die Bar fluten. Neben mir zieht ein Girl ihre Lederjacke aus. Zu heiß. Kann ich verstehen. Zum Vorschein kommt ein Korsett, das aussieht wie Hasenfell. Kuschelig, weich, grau und braun gesprenkelt. Ich bin kurz irritiert, denn wir haben bald Ostern. Hasen und Nester und die Frau im Hasenfell. Na ja. Sie fällt einem Typen um den Hals, beugt sich dabei etwas vor und zeigt mir - natürlich unaware - etwas Brust und ich denke mir, eigentlich könnte ich sie ja fragen, ob ich nicht suchen darf, nach dem Nest, dem österlichen. Da falle ich fast um, weil mich ein Riese von hinten anrempelt. Balance wiedergewinnen ist das Gebot der Minute.

Im Corona gehts jetzt zu wie in einem chinesischen Wok. Temperatur an die 40 Grad, stehender Zigarettenrauch, Lüftung null, der Sound wird mächtiger, das Stimmengewirr chaotischer. Sequenzen triggern auf meine Netzhaut. Ein paar Westernstiefel. Eine Gelbörse in der hinteren Jeanstasche mit Silberkette gesichtert. Ein schwarzer Rock, durch den ich die Panty-Line schimmern sehe, besoffene Gesichter, glücklich und geil, City-Bags, die unnötigerweise mithereingeschleppt wurden, Marlboro-Schachteln, die geöffnet irgendwelchen Bekannten angeboten werden, ein paar nackte Beine, ohne Chance auf Blickkontakt aufs Höschen, Frisuren, die einen Querschnitt über das Know-How des local hairdressers bieten, ein Mund mit schwarzem Lippenstift (Hommage an die Attribute des Gothic), ein Glatzkopf, glänzend wie spiegelglatt poliert, Parkas, ja auch Parkas, grün verwaschen und Militär-Hosen, weil sie jetzt (wieder) cool sind.

Soviel Lokalkolorit wird mir zuviel. Margot steht auf der Treppe nach unten, Andrea redet mit einem Bekannten, ihr 4. Glas Wein in der Hand. Und Bischi spielt den Blues. Slide-Guitar. Die Töne sprechen zu mir, reden mich an und eine Klang-Sprechblase raunt mir einen einfachen Satz zu: Hau jetzt endlich ab!

Und ich gehe, verlasse das Corona, winke Andrea zu, schließe die Eingangstüre hinter mir und werfe keinen Blick zurück. Schon gar nicht im Zorn.

 

copyright, hermann braendle, london 05/04/99

 

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