rain & rage
Nach Kilburn kostet es mit dem Bus 70 p. Der hopper, wie er genannt wird, ist ein kleiner Metrobus, rot, mit ca. 30 Sitzplätzen und klaustrophobisch engen Stehplatzmöglichkeiten. Aber er bringt mich in die Kilburn High Street. Als ich dort aussteige, ist das erste oder zweite oder das Gleichzeitige, das ich wahrnehme: Bewegung, Verkehr, Lärm, Menschenmassen und Geschäft an Geschäft. High street shopping.
Die Luft riecht nach einem Keller, in dem Benzin ausgeronnen ist. Rechts von mir schieben sich große Doppeldeckerbusse mühsam die Straße entlang. Stop and go. Wenn eine Ampel auf rot schaltet, stehen alle Autos. Stauen sich. Stressen weiter, stehen wieder.
Mein Ziel ist ein kleines Cafe, in dem man den ganzen Tag über english breakfast essen kann. Süßigkeiten gibt's keine, dafür viele Frühstücks-Kombinationen: eggs, bacon. eggs, bacon, sausage. eggs, bacon, sausage und chips. eggs, bacon, sausage, chips, tomatos. eggs, bacon, sausage, chips, tomatos, mushroms. Ich bestelle die maximale Variante und bin mir bewußt was ich da vorgesetzt bekomme: Leckereien, triefend vor Öl. Es schmeckt.
Auf dem Rückweg zum Busterminal fängt es zu regnen an. Der sound auf der Straße hat sich verändert. Der Regen macht die akustische Collage viel schärfer. Autoreifen klingen plötzlich viel näher, als ob sie direkt an deinem Ohr vorbeirollen würden. Es ist wie ein dauerndes zwisch-sch, zwisch-sch, zwisch-sch. Eine schöne Monotonie. Regenschirme werden aus allen möglichen city-bags, Plastiktragtaschen oder klassischen Handtaschen hervorgeholt und aufgespannt. Das Laufen wird zu einem Geschicklichkeitsspiel im Ausweichen. Vor einem irischen Pub spielt sich ein kleiner Zwischenfall ab:
Ein Mann läuft auf gleicher Höhe neben mir her, rechts von mir will uns eine Frau mit Regenschrim aus entgegengesetzter Richtung passieren. Der Mann hat keinen Schirm, keine Regenjacke, keinen Hut, hält seinen Kopf also instinktiv gesenkt, um sich vor dem Regen zu "schützen". Er streift beim Vorbeigehen den Schrim der Frau, ohne es zu bemerken. Die Frau läuft ein paar Schritte weiter, dreht sich um, rennt dem Mann nach und sticht ihm den Dorn ihres Schirms - die Bespannung ist ein schmutziges Orange - kräftig in den Rücken. Der Mann dreht sich erschrocken um, sieht wer ihm da "wehgetan" hat und läuft nun der Frau nach, schimpfend und in einer Art Rage. Ich verstehe das Wort "fuck", der Mann erreicht die Frau und haut ihren Schirm zusammen, Speichen knicken, der Schirm sieht aus wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln. Nun beginnt auch die Frau zu zetern. Ein Wortfight bricht aus.
Passanten bleiben stehen, gebannt vom plötzlichen Einbruch des Menschlichen, angezogen vom schlagartigen Zusammenbruch der sonst so geläufigen Gleichgültigkeits-Fassade. Sie schreien sich an. Die Frau und der Mann. Rage, Frustration, Wut. Woher diese Gefühle kommen ist nicht offensichtlich. Vor ein paar Minuten waren diese beiden ganz normale wandelnde Stereotype: Fußgänger auf der Highstreet, die ihren Wegen nachgehen. Jetzt stehen sie im Regen und zwischen ihnen ist Krieg. Ausglöst durch eine Berührung. Und vielleicht ist das der Grund: Jemand ist einem anderen zu nahe gekommen. Hat sich auch nicht, wie wir in Schulbüchern lernen, sofort und "very polite" mit einem "excuse me" oder "sorry" entschuldigt, weil er gar nicht realisiert hat, daß es etwas zu Entschuldigen gibt.
Ein Bruchteil einer Sekunde genügt, um zu explodieren. Das ist scary. Auch daß hier Geschlechterkrieg vorgeführt wird, ist scary. Vielleicht aber war es ja auch der Regen, der die Wut triggerte. Inzwischen regnet es hier auf der Kilburn Highstreet massiv. Kein special effect in irgenwelchen soaps, keine beruhigende Wasserkulisse in irgendwelchen shopping malls. Nein. Wirklicher Regen. Und der macht naß. Und ist auch noch sauer, wie wir wissen. acid rain und rage. Ein giftiges Paar.
copyright, hermann braendle, london 05/99