Read me, save me, skills & styles
1
Es ist Freitag und es ist Nacht. Wir ziehen los und das Raubtier erwacht. Zuerst zu Alfredo, wo Kerzen mit schwarzem Wachs weinen und Kellner flüstern 'immer auf die Kleinen'. Alfredo Mann, karr 'ne Ladung Spagos an und dann - mit Vino Rosso im Bauch - schmeiß ich mich an Maria ran.
2
Und weiter geht's. Auf der Straße herrscht Leben. Ein Penner sagt, ich soll ihm was geben. Vor uns knutscht ein Pärchen. Sowas gibt's nur im Märchen. Wir schauen uns an. Die Augen so blau, die Lippen so rot - komm jetzt, mach! Die Ampel ist tot. Laß uns die Fühler ausstrecken und 'n paar Dinge abchecken.
3
Zuerst wolln wir rauf auf die Gipfel der Stadt, wo man am besten den Überblick hat. Rein in den Lift und aufwärts marschiert, das Dach hockt im Dunkeln und da ist gut munkeln. Wir steigen zum Rand wie Klippen so steil und nehmen von oben am Nachtleben teil. Hinunter der Blick ins Lichtermeer, eine Kawa röhrt von weit draußen her.
4
24 Uhr und vom Ende keine Spur. Komm zum cash-point meine Liebe, muß 'n paar Scheine rauszocken, glattgebügelte neue Triebe. Dann mit der U-bahn Richtung Norden, Reiter in der Röhre, durchgestylte Horden. Am Eingang brennt ein Feuer, der Rauch so dick wie öliger Samt und ich denke 'sauteuer'.
5
Eintritt ist 'n Zehner. Das mal zwei und wir sind dabei. Drinnen geben die DJ's Stoff und an der Bar gibt's den ersten Zoff. Baby! Das ist geil! Ich dreh mal 'ne Runde, durch die Menge ein Keil. Die Girls haben Beine so lang wie 'ne Leiter. Und die Boys sind gepierct und kucken und können nicht weiter.
6
Die Party macht progress. Voll auf tribal heute Nacht und aus den Boxen peitscht Sound, daß es kracht. Auf dem dancefloor schwitzen die Bodies und Raver lutschen an bunten Lollis: Leckere Zooms, der Blick geblurrt, auf nackter Haut irren Lichter - und die Vibes werden immer dichter.
7
Ich tanze wild und energetisch. Das Girl vor mir macht voll auf Fetisch. Ich werde gierig und hoff' es wird nicht schwierig. Und schon find ich ihren Mund, denn küssen ist ja so gesund. Ich bin verloren - halte mich an ihren Hüften fest. Sie schleckt mir ins Gesicht - und das gibt mir dann den Rest.
8
Wo ist Maria? Den ganzen Club hab ich gestürmt und jetzt ist klar: sie ist getürmt! Ich hab's vermasselt und 'ne andere angequasselt. 'Oh Maria, ich hab dich lieb, oh Maria, bitte glaube mir'. Doch ich sprech' nur an die Wand, denn die Fakten liegen auf der Hand. Wo bist du nur, dear? Komm doch zurück zu mir.
9
Es ist Morgen und mir ist heiß. Viel zu hoch ist der Preis. Ich hab die Türe offengelassen - doch der Platz neben mir ist verlassen. Sie hat Ernst gemacht, das hab ich nie und nimmer gedacht. Ich schau auch in der Küche nach, dort liegt nur die Katze flach. Time is running out und ich kneif mir in die Haut.
10
Ich bin alleine und die Glotze läuft. Ich sehe, wie 'ne weiße Kuh ersäuft. Die Kravatte des Anchor-Man nervt. Auf 'nem anderen Kanal zeigen sie wie man surft. Ich muß an die Luft, raus aus meiner Gruft. Regen fällt schwer und immer schwerer. In meinem Kopf wird's immer leerer.
11
Ich muß Zigis holen: also raus. Und im Laden um die Ecke sind die Marlboro aus. Doch der Rentner hinterm Tresen verkauft auch auf eigene Spesen. Ich nehm dann noch ne Zeitung mit. Mal schauen, was es an Schlagzeilen gibt.
12
Heute kam 'ne Karte aus Kalkutta. Ich dachte 'Gehts ihr denn auch gut da?' 'Ich ess grad 'n Curry', schreibt sie. Verdammt, verdammt, ich lieb' sie. Tage gehen, Tage kommen, in den Nächten bin ich ganz benommen. Wie soll ich nur die Zeit verbringen, die bleiern verrinnt, werd' ich sie je wieder erringen?
13
Draußen fallen Blätter, es heult der Sturm. Ich sitz' allein vor dem Brett und spiele den Turm. Die Türglocke geht, es ist Vespa von nebenan. Sie fragt, ob ich ihr 'n bißchen Kaffee leihen kann. Ich bitte sie rein - wir sehen uns an und es macht klick - Mann, wart doch 'n Augenblick! Ich bring ihn dir zurück und dazu ein Kuchenstück!
14
Heute, morgen, überall. Du bist gegangen und ich? Ich hab nur rumgehangen! Tief getroffen, das macht mich betroffen. Es war ein Tag zum Vergessen und immer wieder hab ich vor deinem Bild gesessen. Deine Haut so weich und zart, geh nicht, bleib! Ich brauch' diesen Part. Eine Träne rollt nieder. 'Bitte, bitte komm wieder'!
copyright, hermann braendle, london 04/99