ready to order

Die Sonne scheint. Überall sind die Tshirts im Rennen. Es ist so hell, daß sogar die Sonnenbrillen kämpfen müssen. Drinnen beim Chinesen herrscht Indoor-Dämmerung. Lunchtime. 10 Tische stehen im Raum, einer davon besetzt mit 2 Männern in Suits. Wir setzen uns und öffnen die Speisekarte. Wir wissen, was geboten wird. Von Chinese Noodles bis Peking Duck. Wir geben vor, auszuwählen. Wir tun so, als ob wir uns noch nicht entscheiden können. Ein Stirnrunzeln soll zeigen, daß uns das Angebot überwältigt. Immerhin gibt es über 100 Nummern. Jede Zahl ein anderes Gericht. Alle Gerichte aber schmecken gleich. Zumindest für westliche Gaumen.

In Wirklichkeit hängen wir unseren Gedanken nach. Was wir bestellen werden, haben wir schon gewußt als wir reinkamen. Die Sonne draußen macht unser Mittagessen etwas traurig. Was man alles tun könnte, an einem herrlichen Tag wie diesem.

Regie: Du schlenderst im Hyde-Park über eine Wiese. Für englischen Rasen zu wenig grün. Ausgetretene Flecken, braune Grasbereiche. Ein Girl kommt dir entgegen. Groß, gut gelaunt und gestylt. Euere Wege kreuzen sich. Sie bleibt stehen. Du bleibst stehen. Sie kommt näher und du spürst, daß sie dich küssen wird. Ihre Lippen sind kirschrot. In Japan blühen die Kirschbäume, sagt man. Vorsichtige Umarmung. Und ein langsames Sinken, elegant zu Boden, ein kontrolliertes Knäuel. Elegisch vielleicht. So könnten wir bleiben, stundenlang.

"Ready to order, Sir?"

Die Chinesen-Kellnerin holt mich zurück zum Menue. Wir werden mit Springrolls beginnen.

 

copyright, hermann braendle, london 04/99

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