start me up

23 Uhr, Top Flat, 8 Leinster Square. In einem kleinen Zimmer sitzt ein Mann über ein Mac-PowerBook gebeugt. Sein Blick springt zwischen der aufgeklappten, monochromen Computerscreen und einem Poster, das vor ihm in Augenhöhe an der Wand hängt, hin und her. Das Fenster ist halb geöffnet, draußen hupen Autos. Das Plakat - suddenly I stopped - zeigt ein s/w-Ying-Yang-Emblem. "interactive" zieht sich in einem halbkreisförmig angelegten Rundsatz um das chinesische Zeichen. Again and again.

Der Mann steht auf und holt sich eine Packung Marlboro, die auf einem Matsui-Fernsehr liegt. Er bleibt kurz stehen und starrt in die Flamme des Zündholzes, in dieses schweflig gelbe sich weiterfressende Orange. Gone up in flames. Außer einem Bett, einer Kleiderstange, an der ein paar T-Shirts, Jeans und Sakkos hängen, einem Schreibtisch und einem JVC-Mini-Tower, ist der Raum leer. Angenehm für's Auge, läuternd für den Geist. Die CD "mix" von Cure läuft.

Zigarettenrauch im zusammengekniffenen Auge (ob es tränt ?), beobachtet er den Cursor, der in einem Heartbeat-Intervall hinter einer eingetippten Kapitelüberschrift blinkt: never let me down. Eigentlich geklaut, vielleicht gekupfert, sicher getürkt. Doch schwere Arbeit. Erinnerungsfetzen. So leicht wie eine Feder. Der kleinste Windhauch trägt sie fort, manchmal. Der Mann sampelt Hooklines im Kopf - wave, techno, rap, gothic, ethno.

Nachdem er die CD gewechechselt hat, beginnt er zu schreiben. Der Song # 1 bringt die Botschaft. I don't exist when you don't see me. Eine Brücke zu Virilio schlagend, tippt er den Satz "Ich kann nur noch denken, wenn ich sehe". Aber vor solchen Prämissen schreckt er zurück und der Cursor bereinigt den Zwischenfall. Nach langem und genauem Überlegen - keep on going, keep on going it's alright - unterbricht er das freie Hinglotzen, die Finger zögern noch, doch dann fegen sie über die Tastatur.

Ich heiße Diesel, tippt der Mann und weiß noch nicht, daß er in dieser Geschichte keine Rolle mehr spielt.

- Du hättest anrufen können, wir haben ja Telefon. Vespa schmeißt ihre Tasche auf den Boden, zieht sich die Schuhe aus und wirft sich rückwärts auf's Bett. Sie ist müde und weil Diesel einfach weiterschreibt, fortformuliert, wird sie zornig. Der ENO-Job geht ihr auf die Nerven. English National Opera klingt zwar gut im Portfolio, die Performances sind aber immer erst kurz vor Mitternacht zu Ende und dann müssen noch die Schauspieler und Tänzer abgeschminkt, die Perücken abgenommen, sorfältig verstaut und die Schminktische aufgeräumt werden. Routine, die langweilt. Heute hat Diesel versprochen, nach der Show vorbeizukommen. Sie hat eine halbe Stunde auf ihn gewartet. Eigentlich wollten in's Dog & Trumpet gehen. Sie hat ihr Pint alleine getrunken.

- Ich bin mitten in einer Story.

- Na und? Du hättest beim Portier eine Nachricht hinterlassen können.

- Tut mir leid. Aber es lief gerade so gut, und du weißt ja, daß man dranbleiben muß.

- Was hast du geschrieben?

- "Ich heiße Diesel".

- Ist das alles?

- Verlangst du mehr? Ich mach uns Kaffee.

Diesel verschwindet in der Küche und Vespa entspannt sich langsam. Das Leben in London kostet Kraft. Immer diese Jagd nach Geld, um die Miete bezahlen zu können. Immer die verschiedenen Jobs gleichzeitig, um sich über Wasser zu halten. Mit einer zusammengrollten 20-Pfund-Note zieht sich Vespa eine fette Koks-Line rauf. Das ist besser als ein vermiester Abend und sobald sie den bitteren Geschmack der Droge im Mund spürt, ist sie Diesel nicht mehr böse. Dieser stellt gerade das Tablett, auf dem er den duftenden Espresso hereinbringt, neben ihr auf den Boden.

- Ich hab dir ein Glas Wasser mitgebracht.

- Wie geht's weiter, Mr. Diesel?

- Ich bin noch ganz am Anfang.

- Weißt du, daß John ein Psycho ist. Er schlägt Liz.

- Hab ich mir gedacht.

- Würdest du mich schlagen?

- Mit was?

- Nein, im Ernst. Ich würde dich verlassen.

Während 100 Kiss FM schwarze Dance-Floor-Music aus den Boxen flutet, setzt sich Diesel wieder vor sein PowerBook. Vespa blättert im neuen "Face" und bleibt schließlich an einem Artikel hängen, der sie interessiert: my life as a money slave. Hör mal zu Diesel: "Die 23-jährige Sue hat ihre eigene Penthouse-Suite in New York. Sie fährt einen 190er Mercedes, steht auf Philip Starck und findet shopping in Rom und Paris aufregender als in den US. of A. Ihrem Lover schenkte sie erst kürzlich einen sündteuren Platinring. Geburtstage seien eben ihr Geld wert, meinte Sue".

- Sahnetörtchen, na und?

- Weißt du doch gar nicht. Vielleicht ist sie erfolgreiche Business-Frau, Unternehmerin, Managerin, Beraterin.

- Oder höhere Tochter.

- Hure, Strichmieze oder Pferdchen.

- Oder Diplomatenkind.

- Schlepperin, Dealerin oder Zockerin.

- Oder reiche Erbin.

- Spekulantin, Strohfrau oder Head-Hunterin.

- Was steht im Face?

- Sue sei eine Sklavin des Kapitals.

- Da hast du's.

Diesel schreibt: Liz liegt auf einem großen Futon, irgendwo in einer Absteige in Soho. Sie raucht und starrt in den Spiegel an der Decke. Der Abend ist noch lang und die Kunden nicht so einsam, wie sie's gerne hätte. Als das Telefon schrillt, nimmt sie ab.

- Keine Ahnung, Diesel ist am Schreiben und ich lese. Was schlägst du vor?

Tony ist am Telefon. Er ruft immer wieder mal an. Ein guter Freund. Einer, der alleine lebt. Whatever life means, I have nothing to do with. Vespa nimmt ihm das nicht ab.

- Sag ihm, wir machen morgen was, unterbricht Diesel.

- Ja, ich glaube auch, daß Tom ein Problem hat. Er sollte von GentleGhost weg. Möbel schleppen für andere Leute mag ja o.k. sein. Aber er wird bald 40. Was sagst du? Ein Hippie. Ja, vielleicht.

Special Agent Dale Cooper öffnet auf ein Klopfen die Türe seines Hotelzimmers und wird von drei Kugeln getroffen. Nach hinten in den Raum zurücktaumelnd, geht er langsam zu Boden. Nein, das ist nicht der Anfang meiner Geschichte. Dale Cooper gehört den Amerikanern, genauer gesagt zu David Lynch. Meine Story beginnt mit dem schrillen Anschlagen des Tritons meines Telefonapparates, wie überhaupt die digitale Co- und Encodierung von Kommunikation in meiner Beziehung zu Vespa eine verbindende Rolle spielt - und in der Konsequenz des Gesagten meist höllisch schnell verbindlich wird.

Das Portable-Panasonic schlug also mit einem Dreiton an und ich hatte meinen Finger sofort auf der roten Taste meiner Remote-Control. Der Ton des Fernsehers starb, Cooper schien schwer verletzt, blutete sozusagen wie im Stummfilm vor sich hin.

Ich sagte "Hallo".

- Hi, wie gehts, alter Zorro?

Es war Vespa, meine Freundin. Sie rief mich aus London an.

- Der alte Zorro reitet und kämpft gegen das Böse in der Welt.

- Komm rüber, gestern war das ganze westend lahmgelegt. Hier hättest du es mit echten Gegnern zu tun.

- Muß arbeiten, du weißt ja.

Ich hatte die Fernsehbilder gesehen, den Raketenangriff der IRA gegen das Regierungsviertel. Die weißen Einsatzwagen der Metropolitan Police, den Rauch, der nach der Detonation aufstieg (man könnte dazu detonation boulevard von den Sisters in den CD slot schieben). Die angespannten Gesichter des Personals bei der Evakuierung, die gespielte Ruhe des englischen Außenministers, good old boy. Die Form bewahren, keine Panik zeigen, sich dem Terror nicht beugen, sofort zu den Tagesgeschäften übergehen. Die Stimme des Reporters hatte zu normal geklungen. Kein Ton einer Sensation. Das Establishment war eben mal wieder ins Kreuzfeuer geraten. Nichts Ungewöhnliches. Im Westend lebte man im ständigen Bewußtsein des Terrorismus. In jeder U-Bahnstation hingen Schilder, die vor Bombenanschlägen warnten, die genaue Verhaltensanweisungen gaben, was zu tun ist, wenn irgendwo ein Koffer, eine Tasche, ein Gepäckssück steht, das niemandem gehört. Ich hatte die Tafeln selbst x-mal registriert und mir fiel auf, daß nur die Touristen Zeit genug hatten, sie aufmerksam zu lesen. Sight-seeing mit ein bißchen Nervenkitzel. Du gehst die Oxford-Street runter, und es kann passieren. Du schaust bei Selfridges rein, und es kann dich erwischen. Du sitzt auf dem Terrassen-Kaffee in Covent-Garden, und ........... Das sind die wahren Attraktionen.

- Bist du noch dran?

- Sie haben es im Fernsehn gebracht.

- Weißt du schon, daß ich eine neue Wohnung gefunden haben. Rate mal wo?

- Keine Ahnung. Finchley, St. Johns Wood?

Im Hintergrund hörte ich die "Sisters". Durch's Telefon klang ihre Musik seltsam blechern. Die Stimme von Aldrich ohne ihre Magie, das Drum hämmerte umbarmherzig blechern.

- Weißt du schon, daß Galliano ne neue Maxi raus hat?

- Wann kommst du rüber?

- Keine Ahnung. Du sagtest, daß du eine neue Wohnung hast.

- Bayswater, Zorro, Bayswater. Ist das nicht Wahnsinn? Genau in der Gegend, die ich so liebe. Und das Kahns ist ganz in der Nähe. Komm übers Wochenende, wir könnten ins Kino gehen.

- Bin ziemlich beschäftigt. Die neue Produktion läuft auf vollen Touren. Aber nächsten Monat fahren wir ja nach Italien, nicht?

- Klaro. Ich freu mich schon darauf. Treasure, das war's eigentlich schon. Machen wir's dieses mal kurz, du weißt ja, money, money. Ich liebe dich. Rufst du mich an?

- o.k. Honey. Bis dann. Tschau.

- By, tschau.

Cooper hatte inzwischen seine Augen geöffnet und sah, wie ein Hotelpage mit einem Glas Milch vor ihm stehen blieb. Vergeblich versucht er zu sprechen. Der Angestellte, ein schon älterer Mann, scheint den Ernst der Situation überhaupt nicht zu begreifen. Er lächelt den Angeschossenen an. Die Serie wird immer verrückter, dachte ich mir. Ich hatte Elephant Man gesehen, Blue Velvet natürlich und auch Wild at Heart. Alles wirklich gute Filme. Aber was sich Lynch da ausgedacht hatte! Trotzdem schaute ich diese Folge bis zum Ende an und schaltete dann mein TV-Set aus. Es war 23 Uhr und mir war langweilig.

Bayswater jetzt also. Vespa wohnt jetzt in Bayswater. Ich holte meinen Plan der Londoner Untergrund-Linien und fand die Station auf Anhieb. District Line, die grüne Linie, nördlich lag Paddington, südlich davon Notting Hill Gate und mitten durch verlief die rote District-Line. Ich erinnerte mich, als Vespa noch Au-pair bei diesen österreichischen Adeligen war, sie lebten in einem großen Haus in Notting Hill Gate, liefen wir oft die Portobello-Road hinunter, um in unser Lieblings-Lokal zu gehen. Die alte Leuchtschrift hing mächtig über dem Eingang, der links und rechts von zwei pseudo-klassizistischen Säulen eingefaßt wurde. Kahn's. Was das Wort bedeutete, habe ich niemals herausgefunden. Aber es hatte einen exotischen Klang und stand jedenfalls für das beste indische Restaurant, das ich kannte.

Am nächsten Tag - es war Sonntag, was mich schon beim Aufwachen nervte - kroch ich erst gegen 11 aus dem Bett. Ich machte mir Frühstück, fuhr dann ins Fitneßcenter, um wieder mal etwas für meinen body zu tun, kochte mir dann etwas besser gelaunt ein Curry zu Mittag, verfolgte so nebenbei den Formel 1 - Lauf und begann schließlich, Freunde anzurufen, um mit die Zeit zu vertreiben.

Für mich war es jedesmal wie ein Schock, am Wochenende so plötzlich aus dem Arbeitsprozeß herausgerissen zu werden. Also hing ich jetzt an der Strippe, gemütlich auf meinem roten Ikea-Sofa langgestreckt, telefonierend, berichtend, jammernd, und manchmal ätzend schwätzend. So vergingen zwei produktive Stunden. Anschließend dachte ich darüber nach, was ich nächste Woche alles zu erledigen hatte. Nachdem ich klar sah, ging ich zu Bett und zog mir solange Tom Wolfe rein, bis ich einschlief.

Ihr Flug hatte Verspätung wie immer. Das war nichts Neues. BA 732, delay 30 min. Ich starrte das riesige Display an, aber das änderte nichts an der Sache. Also schlenderte durch den Terminal B des Züricher Flughafens, vorbei an Wartenden, Eltern, Geschäftsfreunden, Gruppen, Ehemännern, Ehefrauen, jungen Kerls, die verschämt den Begrüßungsblumenstrauß versteckten, kleinen Kindern und auf Haltung bedachtem Wachpersonal. An einem Kiosk blieb ich stehen und kaufte mir eine Ausgabe des neuen "Jardin du Mode". Beim Durchblättern verrann die Zeit und endlich lagen wir uns in den Armen.

Vespa sah verschärft gut aus. Ich hatte sie drei Monate nicht mehr gesehen. In schwarzen Jeans, die in Biker-Boots - wahrscheinlich von Red or Dead - steckten, die Haare aufgeblondet aber sehr feminin offen getragen, ein brandneues Puffer-Jacket umgehängt, so stand sie vor mir. Wir umarmten uns, küßten uns, sahen uns in die Augen, sagten irgendetwas, liefen ein paar Schritte, um dann wieder grundlos stehenzubleiben, das Gepäck irgendwie mitschleifend, zwischendurch sagte sie, daß sie für die letzte Telefonrechunung 200 Pfund bezahlt habe, küßten uns, ich dachte mir, ich ruiniere ihre Lip-Line, hielten uns, drückten uns. Mir fiel der Lemmon-Song von Led Zeppelin ein ...... squeeze me baby, 'til the juice runs down my legs.... Ich nahm mir vor, Vespa die vier Zeppeline mal vorzuspielen, doch das war sound, den sie nicht mehr kannte, lag lange vor ihrer Zeit.

Ich kramte meinen Park-Schein heraus, bezahlte an der Kassa schleppte Vespas Koffer zum Lift, fuhr mit ihr zum Park-Level 8, verstauten ihre Sachen in meinem kleinen Lancia und fuhr los - Vespa schmiß ihre Handtasche auf den Rücksitz, legte sich den Sicherheitsgurt um und zündete sich eine Marlboro an. Ausfahrt. Zurück blieb Kloten, Zürich nahmen wir nur an der Tangente und der Rest war Autobahn.

Zuhause war es anfangs wie immer ein bißchen komisch. Ich war gewohnt, allein zu leben und plötzlich war Vespa wieder hier. Jedes mal eine Umstellung. Wir mußten uns wieder aneinander gewöhnen. Wie wir sprachen, wie wir uns bewegten, wie wir lachten, wie wir gestikulierten. Zur Auflockerung machte ich uns zwei starke Espresso. Das beschäftigte mich ein wenig und ich liebte das Ritual, zelebrierte die Kunst des Kaffe-Kochens, lebte auf, wenn sich der Duft mit dem Off-Beat des heraussprudelnden braunen Elexiers zur Synästhesie vereinigte. Die kleinen Alu-Tassen standen bereit, das wertvolle Gebräu aufzunehmen, die silbernen Löffelchen lagen wie zwei Rufezeichen daneben und die Alu-Zuckerdose von Alessi schaute - picobello auf Hochglanz poliert - wohlgefällig der Zeremonie zu. Nur die Milch mußte im Kühlschrank bleiben. Wir nahmen ihn schwarz.

Am Tisch im Wohnzimmer sitzend, legte Vespa los. Ihre Arbeit bei Wig Specialities mache Fortschritte, letzte Woche habe Sean Connerey bei ihnen in der Company vorbeigeschaut, ihre Haarteile, die sie für den neuen Riddley Scott - 1492, du weißt ja - knüpfe, seien von Joyce, ihrer Lehrerin gelobt worden, jetzt trainiere sie auch jeden zweiten Tag im YMCA, die English National Opera habe angerufen und ihr für zwei Abende pro Woche einen Job angeboten, der Verdienst sei zwar saumäßig, aber sie habe angenommen, weil sie noch mehr Praxis brauche. Vielleicht könne sie im Früjahr sogar nach Paris gehen und Uncle habe endlich ein Manuskript an BBC verkauft. Sie redete und redete und ich war ganz hingerissen von ihr und ihren Neuigkeiten aus good old London. Sogar das "Face", das sie mir immer mitbrachte, ließ ich links liegen.

Von Espresso gingen wir dann zu Wein über, einem guten Chablis, der runterlief wie Wasser. Zur Verfeinerung legte ich auch ein paar Lines auf, Vespa hatte den Soundtrack von "Bis ans Ende der Welt" über den CD-Player aktiviert, wir wurden immer vergnügter, und klarerweise wurden wir scharf aufeinander und fielen gleich auf dem Sofa - rot, glatt, Leder, von Ikea - über uns her. Wir trieben es wie die Karnikel, rammelten, bumsten, vögelten, fielen in die Hitze des "Es lebe das Klischee". Als wir das hinter uns hatten, tranken wir die Flasche aus. Dann wankten wir, beide ziemlich betrunken, ins Schlafzimmer. Morgen geht's los, vielleicht, dachte ich noch, bevor ich in ein tiefschwarzes Loch fiel.

Die Bar war voll. Doch Vespa drängte sich einfach vor. Sie bestellte uns zwei Brötchen und zwei Cappuccos. Beides nahmen wir im Stehen. Wir hatten es also tatsächlich geschafft. Der Morgen nach unserem Wiedersehen war bleiern gewesen. Total verkatert wollte ich unseren Trip nach Süden schon verschieben, aber Vespa hatte mich hochgepeitscht, hatte mich einfach aus dem Bett geworfen. Den ganzen Vormittag verbrachten wir mit Packen und kurz nach 12 fuhren wir dann los. Chur, San Bernadino, Milano.

Nachdem wir uns gestärkt hatten trieben wir uns auf dem Platz vor dem Dom herum, bis uns die Tauben vertrieben und flüchteten dann Richtung Vittorio Emanuelle. Von dort aus ließen wir uns treiben und landeten schließlich in der Via Napoleone, der berühmt berüchtigten Einkaufsstraße Mailands. Berühmt wegen der exzellenten Auswahl, berüchtigt wegen der wahnsinnigen Preise. Vor einem Comme de Garcons (like the boys) - Shop blieben wir stehen. I think Rei Kawakubo is one of the most influental people in japanese women's history because her fashion concepts are accepted and followed by so many japanes women and young people. To my eyes she is the leader of a conceptual or a religious movement - Kazuko Koike, Fashion Historian.

- Wußtest du, fragte Vespa, daß Rei Kawakubo eigentlich gar keine Ausbildung hatte und bevor sie die Comme de Garcons-Company gründete als Stylistin in der Werbung gearbeitet hatte?

Ich hatte natürlich keine Ahnung, wollte aber nicht blöd dastehen und faselte etwas über Mode-Labels und daß man heute schon vom Imperialismus der Labels sprechen könne. Von einem Imperialismus, der in seine aggressive Phase getreten sei.Vespa schaute mich konsterniert an und betrat die Boutique. Ich blieb draußen. Schwellenangst oder was immer. Ich zündete mir eine Zigarette an, denn ich wußte aus Erfahrung, daß Vespa, obwohl sie sich die Kawakubo-Klamotten niemals leisten konnte, gerne in sündteueren Läden stöbert, lange stöbert.

Als Vespa dann schließlich doch genug hatte, suchten wir ein Restaurant, um was zu essen. Das "Joy et Gabriela" sah vielversprechend einfach aus. Also gingen wir rein und bestellten uns das volle Italo-Menü. Antipasta, Speghetti Vongole, Pesche di Spada, Profiterol, Cafe Corretto. Die Rechnung war demensprechend. Dann fuhren wir herum, um eine Pensione zu finden. Es war spät geworden und wir waren ziemlich müde. So stellten wir keine hohen Ansprüche an unser Zimmer. In irgendeiner Seitenstraße fanden wir endlich was, checkten uns ein und gingen sofort schlafen. No sex.

Unser Auto war über Nacht nicht aufgebrochen worden, was in Mailand eigentlich an ein Wunder grenzt. Ich zeigte Vespa noch den Bahnhof - faschistische Architektur in Reinkultur - dann gings auf die Autostrada, Richtung Süden. Wir genossen die Fahrt, es war ein herrlicher Tag und wir schauktelten gemütlich dahin, begleitet von Roy Orbinson, Erasure, Prince, Urge Overkill und den Curve. Wir hatten unsere Lieblingstapes mitgenommen, denn Italo-Sound konnten wir beide nicht ausstehen.

- Wie hast du das eigentlich gemeint, mit den Labels?

- So, wie ich es gesagt habe: Die Labels werden immer aggressiver und haben imperialistische Züge angenommen.

- Und das heißt?

- Das heißt, daß sich die Leute nicht mehr über politische Verbände oder Gruppierungen definieren, sondern über die Freiheit zu kaufen. Demokratie der Waren, sozusagen. Und die ist bestimmt vom Tauschwert, vom Äquivalent, die die einzelnen Labels für die Individuen haben.

- Und wer ist demokratischer, wer Armani trägt oder wer auf Moschino steht?

- Blödsinn, das kann man nicht so sehen. Überleg nur einmal was die bürgerlichen Grundrechte, sagen wir wie sie in der Declaration des droits des hommes et des citoyen formuliert worden sind, für einen heute lebenden 25-jährigen bedeuten. Gar nichts mehr. Er definiert sich nicht mehr über die freie Geburt, die Gleichheit oder die Rede- und Pressefreiheit. Er inszeniert sich selbst, von mir aus auch mit Moschino.

- Verstehe.

- Das bedeutet natürlich auch, daß die ehemaligen Klassen- oder Schichtenunterschiede jetzt von den Statussymbolen übernommen werden, die allerdings alle Warencharakter haben und über die Massenkonsumption eigentlich wieder nivellierend, sprich demokratisch wirken.

- Das ist mir zu hoch.

- Ja, ist ein bißchen kompliziert das ganze, aber egal. Hauptsache, wir sind unterwegs.

- Finde ich auch.

Wir fuhren schweigend weiter und genossen die vorbeiziehende Landschaft.

Mit Italien verbanden wir beide sehr angenehme Erlebnisse. Schon allein der Klang der italienischen Sprache war für uns etwas Außergewöhnliches. Meine Erinnerungssplitter kreisten um die engen Gassen der Altstadt von Genua, eine Fahrt mit dem Vaporetto auf irgendeinem Kanal in Venedig, die hochsommerliche, verbrannte Vegetation auf Sardinien. Dort war uns aber auch was passiert, was wir beide icht so schnell vergaßen. Wir hatten am Strand von Orosei übernachtet. Sehr romantisch mit Lagerfeuer und dem Meer direkt vor uns. Wir waren gerade am Einschlafen, als zwei unheimliche Schatten auf uns zugerobbt kamen. Sie kamen immer näher und wir wußten nicht, wer oder was das war. Unsere Blutdruck ging hoch. Schließlich stellte sich heraus, daß es zwei deutsche Mädchen waren, die mit ihren Schlafsäcken übergeworfen in geduckter Stellung zu uns herschlichen. Sie erzählten uns, daß sie von italienischen Jungs eingeladen worden waren, Grillparty am Strand, daß diese dann aber sehr zudringlich wurden und sie es vorgezogen hätten, heimlich zu verschwinden.

So weit, wie wir dieses Mal fahren wollten, waren wir aber noch nie gekommen. Unser Ziel war Apulien, der Stiefel, Finis Tearrae. Apulien, das geheimnisvolle Land im Süden. Vom Tourismus noch nicht so erbarmungslos heimgesucht wie die Küste an der Adria. So weit ich mich noch an meinen Geschichteunterricht zurückerinnern konnte, war Apulien nie vorgekommen. Nichts über den Mons Garganus, nichts über die griechische Kolonisation, nichts über Rom und die Auswirkungen der Punischen Kriege auf dieses Gebiet, nichts über Friedrich den II. und seine achteckige Burg. Na ja, man konnte nicht alles machen. Dafür haben wir uns bei den sumerischen Dynastien über ein halbes Jahr lang aufgehalten.

Ich dachte plötzlich wieder an unsere Sardinienreise. Autofahren und denken, das geht ganz gut. Wir waren damals ziemlich abgebrannt losgedüst und hatten, um Geld zu sparen , entschieden, daß sich einer von uns beim Einchecken auf der Fähre von Genua nach Olbia verstecken sollte. Macky, ein Freund aus Berlin hatte das Pech, daß das Los auf ihn fiel. Er verdrückte sich in unserem Fiat nach hinten und legte sich so gut es ging auf den Boden, zwischen Vordersitz und Rücksitz. Dann legten wir Decken und einen Rucksack auf ihn. Von außen sah man wirklich nicht mehr, daß da einer daruntersteckte.

Die Einfahrt in den Bauch der Fähre verlief problemlos. Wir bekamen unser Ausfahrtticket und konnten das Auto abstellen. Dann öffneten wir die hintere Türe, sodaß sich Macky rausschleichen konnte. Als wir an Deck waren, bekam er fast einen Kollaps. Er war total rot im Gesicht und rang nach Luft. Kein Wunder. Es war schon den ganzen Tag über heiß gewesen und dann noch die Decken - es mußte wie in einer Sauna für ihn gewesen sein. Zur Belohnung durfte er sich dann ausruhen, während wir uns in den Speisesaal für Kabinenpassagiere begaben, um übriggebliebenes Essen von den Tischen einzusammeln. Brot, Marmelade, Salami, Melonen. Die Leute schauten zwar pikiert, sagten aber nichts, bis ein Steward uns schließlich vertrieb. Aber da hatten wir schon genug Beute gemacht. Wir teilten sie brüderlich und Macky hatte sich inzwischen auch wieder erholt. Die Überfahrt verlief ruhig.

Vespa summte gerade "Lea" mit und schien sehr vergnügt. Wir kannten uns schon vier Jahre. Wann genau ich sie kennengelernt hatte, wußte ich schon gar nicht mehr. Es war jedenfalls in der Zeit, als ich noch Musiker bei den "Commercials" war. Ich glaube sogar, es war nach unserer Deutschland-Tour, auf die alle Bandmitglieder stolz waren. Das Plakat, das die Gigs ankündigte, war jedenfalls allererste Sahne. Unser erstes date hatten wir, als ich aus Hamburg - wir hatten dort in der legendären "Onkel Pö's Carnegie Hall" gespielt - zurückkam. Wir trafen uns im "Notausgang", nomen est omen, quatschten über Mode, Macher & Musik und becherten ziemlich viel. Danach fuhren wir zu mir nach hause. Wir schliefen gemeinsam ein. No sex.

Ja und so hatte sich unsere Beziehung entwickelt. Wir waren immer öfters zusammen, gingen zusammen aus und schliefen dann auch bald zusammen.

Seit drei Jahren allerdings war Vespa in London. Sie hatte sich am London College of Fashion beworben und war sogar aufgenommen worden, was für eine Österreicherin eher die Ausnahme darstellte. Und seit dieser Zeit war ich zum Pendler geworden, Zürich - London, sooft ich mir es einteilen und leisten konnte. Natürlich genoß ich es, Vespa in der great big city zu besuchen, doch manchmal war ich sehr irritiert darüber, daß sie jetzt dort und ich hier lebe. Es war nicht immer leicht. Doch was zählte, war, daß wir unterwegs nach Süden waren. Unterwegs, um bis ans Ende zu kommen.

 

copyright, hermann braendle, london 02/94

top