strictly garage

Schon die Anfahrt ist wie ein Ausflug. Nur für Ortskundige, leichtes Gepäck empfohlen. Marlboro und Cash, Condome vielleicht, man weiß ja nie. Sabine sitzt neben mir und schminkt sich die Lippen im Rückspiegel. Nasses Quietschblau, knallhart raufgeschmiert. Das ist zumindest das, was berichtet wird. Für einen kurzen Augenblick taucht rechts von uns die Talstation der Karren - Seilbahn auf. Ich hab' das Gefühl, daß sie verständnislos in die Dunkelheit glotzt. Der Tacho zeigt 50 km/h an. Auf dem Rücksitz sagt Claudia: Ich mag Murmeltiere. Ihr Titten - Tattoo ist grade zwei Tage alt. Cultig.

Wir wissen, was uns erwartet und haben es nicht eilig. Das Tempo wird gehalten. Am Fluß entlang, unter Bäumen, die manchmal ihr Dach bis über die parallel zur Uferböschung angelegte Straße spannen. Niemand würde uns glauben, wenn wir behaupteten, wir führen zum Clubbing. Die Strukturen passen nicht. Zu ländlich, zu idyllisch. Keine Tube - Station zu sehen, keine Straßenbahnschienen, kein Taxi - Stand. Am Tag fahren Reisebusse rein. Nachts dagegen ist die Straße tot. Nur gelegentlich zerschneiden Scheinwerferlichter die Dunkelheit. Nirgends deuten irgendwelche Zeichen auf metropolitanes Nachtleben hin. Die Leute, die hier entlag der Ache wohnen, schlafen zu dieser Zeit. Hellwach sind nur der schlaue Fuchs, die kluge Eule und das flinke Wiesel. Es ist 23Uhr30, swatch - time.

- Nächste Woche fahr ich nach Zürich. Kommst du mit? Ich muß in's Booster.

- o.k., sage ich und biege rechts ein, über eine schmale Brücke, die zum Parkplatz führt. Ein paar Autos hocken stumm im Dunkeln und ein junger Typ in orangem Plastik - Regenmantel weist uns ein.

- Nicht viel los, stöhnt Claudia. Ich brumme Zustimmung, laß die beiden Girls aussteigen und schließe meinen Lancia Y 10 sorgfältig ab. Klack, Zentralverriegelung.

Drinnen fängt der Abend gerade an. Hannes kommt uns mit besorgter, von Umsatzkummer gezeichneter Miene entgegen und begrüßt uns so intim, so verschwörerisch und doch so überschwenglich, als ob es für Helden heute nur noch darauf ankäme, dauernd dasselbe Lokal zu frequentieren. Ich bleibe noch etwas zum Quatschen bei ihm stehen, während sich Sabine und Claudia zu Robert an eine der drei Bars verziehen, um sich ihre bewährten Drinks zu bestellen: Tequilla mit Orangenscheibe und Zimt.

- Ja klar, sage ich, der Gig war super und wenn Maceo am Vierundzwanzigsten hier spielt, hast du die Bude voll. Bestimmt.

Wie auf ein Stichwort hin läßt mich Hannes stehen und ich kann endlich mein erstes Bier trinken, das Sabine netterweise für mich geordert hat. Mit dem Rücken zum Tresen - die Girls bitchen gerade über eine gemeinsame Freundin, die sich bei der housewarming party von Karl Heinz unmöglich aufgeführt hat - lasse ich meine Blicke über die Szene schweifen. Riesig große Halle, bin immer wieder beeindruckt, rechteckige Grundfläche, mindestens 6 Meter Raumhöhe, ehemaliges E-Werk. In New York würde es als Loft durchgehen. An den Wänden, die stellenweise noch eine unbehandelte Ziegelstruktur freigeben, hängen großformatige Bilder. Oil on canvas. Vielleicht auch Acryl. Von Freunden des Hauses gemalt. Expressionen mit starken Farben.

An der mittleren Bar bedient meine Lieblingstussi, wie immer lecker aufgestylt. Ich könnte ihr stundenlang zusehen, wie sie Weingläser füllt, Bier zapft, Tequilla einschenkt, die Kaffeemaschine anwirft, Trinkgelder netter Boys mit einem Augenzwinkern in ihrer abgegriffenen, schwarzen Ledergeldtasche verschwinden läßt, schmutziges Geschirr in bereitgestellte, weiße Metallmodule gibt und diese dann in eine kleine Spülmaschine schiebt, wie sie gelegentlich das Bustier ihres knallengen Bodys hochzieht und ihre Birnen - Titten in diesem Bruchteil eines Augenblicks wie getriggerte Video - Sequenzen eines MTV - Commercials auf mich zuzoomen, wie sie sich eine Zigarette anzündet, wenn's der Betrieb erlaubt und sodann, ganz und gar coole Barlady, die Kerle, die wie an einer Schnur aufgereiht an ihrer Bar sitzen, eiskalt und distanziert taxiert. Ihr Arsch in einer von Silbernieten gefaßten, schwarzen Lederhose macht die Jungs unruhig und ist sicher mit ein Grund, daß das eine oder andere Bier zügiger getrunken wird, um noch eines bei ihr bestellen zu können. Ich weiß, wovon ich rede. Warum mir dazu allerdings die Milchbar aus Kubriks Clockwork Orange einfällt - ihr wißt ja, wo die gliebten Droogies die magic mushrooms milk shakes direkt aus den Plastikbrüsten geiler weiblicher Dummies rauslassen - habe ich nicht die leiseste Ahnung.

Langsam werden die Leute mehr. Es geht auf 1 Uhr zu. Ich winke ein paar Bekannten, ein signalrotes Leutnant - Uhura - Kleidchen hält auf uns zu und in einem Anflug sentimentalen Star Trek - Retros geht mir blitzschnell eine Zeile durch den Kopf: Logbuch der Subterrania - Andrea kommt an Bord, wir sind unterwegs zu den bekannten Fixsternen eines verdammt normalen Abends.

Ich spielte mit ihr in einer Band und nach einem unserer Gigs, war es Innsbruck, nein, ich glaube es war in Hamburg, Block Schock, wir waren alle ziemlich blau, schlief sie mit mir. Danach pflegten wir diesen Teil unserer Beziehung intensiv, veredelten ihn mit allen möglichen Drogen, Koks in der Hauptsache, und hatten wirklich Spaß, bis sich unsere Wege wieder trennten. Warum, wüßte eventuell mein Analytiker, wenn ich einen hätte.

- Fantastischer Sound, nicht? So eröffnet Andrea meistens.

Sie kennt Undergroundkombos mit Namen wie Bomb Circle, Thermo Nuclear, Insane oder Real Revolution, alle streng gitarrenlastig, alle mit absoluter Null - Message, alle strictly garage. Und obwohl sie eigentlich schon auf die Dreißig zuging, blieb sie dem Untergrund treu. Ständig auf der Suche nach jungen Bassisten, die eines gemeinsam hatten: Schwarze Klamotten, blasse Haut und muskulöse Unterarme. Sie haßte Mainstream.

Die Musikperformance war wirklich nicht schlecht. House of Pain pumpten gerade ihren Rap - Renner Jump around aus den Boxen, die hoch über unseren Köpfen hingen. Es wurde schwerer, sich in normaler Lautstärke zu unterhalten. Man sah jetzt häufig quasselnde Lippen dicht an hingehaltenen Ohren hängen und der DJ drehte die Regler unbarmherzig weiter auf. Der Pegel stieg. Ich schaute auf die Uhr. Viertel nach Eins und ich hatte das Girl noch immer nicht getroffen, das mich heute nacht aus der Langeweile katapultieren könnte.

Mit einem halb ausgetrunkenen Weinglas machte sich Andrea zu einer Runde durch's Lokal auf. Sabine fragte mich, was wir Claudia zum Geburtstag schenken wollen.

- Ich hätte da so eine IDEE, sagte ich und bemühte mich, so dreckig wie möglich zu lächeln.

Claudia war ja absolut nicht die Frau, die ihre Liebhaber im Wochenturnus wechselte, und wenn ich mich so umsah, wußte ich auch, warum. Sie schien eher dem New Romantic - Trend verpflichtet, was bedeutete, daß sie sich den idealen Lover in ihrer wie ein englischer Garten angelegten Fantasie zusammenbastelte und dann immer wieder schwer enttäuscht wurde, wenn ihre schönen Vorstellungen mit der rauhen Wirklichkeit kollidierten. Is'nt it romantic?

- Wir schenken ihr einen Vibrator, einen minzfarbenen, duchgestylten, schön verpackt und cool präsentiert.

- Du spinnst ja!

- Komm schon, höchste Zeit für Claudia, ihre Vibrationen auch mal mit einem Plastic Bertrand auf den G-Punkt zu bringen.

- Aber ich gehe nicht in den Sex - Shop, stellte Sabine klar.

- Das mach ich schon, die Kohle teilen wir uns. Du wirst sehen, sie freut sich, hundertpro.

Claudia schaute uns fragend an, als wir beide grinsend unser Mund zu Ohr Gespräch beendeten. Der Lärm im Etablissement war zum Glück so laut, daß sie überhaupt nichts mitbekommen hatte. Und ich war wirklich überzeugt, daß sie von ihrem ersten persönlichen Vibrator entzückt sein würde. Viele von meinen weiblichen Bekannten besaßen eines dieser nützlichen Accessoires, der heißeste in den momentanen Reinsteck - Charts bestand ganz aus edlem Chrom und hieß Singende Biene (schon für eingelochte sfr 33.- in der Züricher Condomeria zu haben). An Claudias Geburtstag jedoch kam dann alles ganz anders. Retrospektiv betrachtet, hatte ich mich einer groben Fehleinschätzung schuldig gemacht. Sie war einfach zu romantisch - und ich anscheinend ein sexspielzeugfixiertes Arschloch. Tut mir leid, Claudia!

Das Lokal war inzwischen knallvoll und langsam wurde es wirklich langweilig. Die Hitze stieg auf ein mediterranes Klima an, Zigarettengluten fraßen sich in Rough - Look - Lederjacken, gelegentlich glitten Gläser aus schweißnassen Fingern und zerbarsten zu tausend Scherben, die Barkeeper hatten alle Hände voll zu tun, waghalsige Pfadfinder schoben sich auf vorgezeichneten Wildwechseln gewaltsam durch die dicht an dicht stehenden Leute, manchmal streifte eine weibliche Brust vorbei und sogar die Zwei - Meter - Männer mußten sich jetzt gewaltig anstrengen, um den Überblick nicht zu verlieren. Es brodelte, Freunde! Distanzen wurden aufgehoben, Cliquen auseinandergerissen und einige Unbeirrbare versuchten trotzdem, sich tanzend zu amüsieren. Express yourself, unbedingt (by all means) und ohne Kompromiß.

Dancefloor auf minimalem Platz. Fast wie in den berüchtigten Clubs in London, Paris, New York - nur eben auf vorarlbergisch, was nichts anderes bedeutet, als eine bestimmte Grenze (hot & horny) nie zu überschreiten, obwohl sich hinter vorgehaltener Hand alle begeistert und begierig die Insider - Botschaften aus fernen Metropolen reinzogen: Man hatte von wilden Rubber - Partys gehört, schauerlich schöne S & M - Events weitererzählt und mit leuchtenden Äuglein die diversen Sex - Nights der großen Hure Clubland durchgehechelt. Turn your big ass so I can work on your zip.

Nicht zufällig wurde nun auch mit hochprozentigerm Sprit kräftig angheizt, meistens Tequilla mit laschen Zitronenscheiben, Wodka pur oder Whiskey - Cola. Aber auch dieser Schachzug verpuffte ins Leere, denn die Orgie hatte hierzulande mächtige Sublimatiosgegner. Ich vermute sogar, daß die pekuniäre Erotik des Bausparvertrages handfesten Schweinigeleien vorgezogen wird. Leute, wohin führt das, wenn Keywords wie Ansparsumme, Laufzeit und Fälligkeit libidonöse Energien freisetzen, während blowjob, kneetrembler und breast relief verständnisloses Achselzucken hervorrufen?

Wollt ihr meine Meinung hören: Die Arbeiterkammer müßte unverzüglich “soft porn postgraduate", zumindest aber “Schmusen für Anfänger" in ihr Kursprogramm aufnehmen, 10 Abende á 50 Minuten, Evaluations - Happening mitinbegriffen.

Meiner Lieblings - Bedienungstussi hielt ich das leere Bierglas entgegen, zum Zeichen, daß ich noch mal dasselbe wollte. Andrea war von ihrer sight - seeing - tour zurück. Claudia saß auf einem Barhocker und starrte angewidert auf Hinterköpfe, Profile und unangenehm nahe vis-a vis, was ich ihr nicht übelnehmen konnte. Sabine wurde partout von einem blonden Jüngling mit Krankenkassa - Brille angebaggert. Mein Köpfchen ist so schwer, darf ich es auf deine Schulter legen? Es dauerte aber nicht lange, da machte sie mir eine sehr vetraute Geste, die wir eigentlich für die Christies erfunden hatten. Die Augen halb geschlossen, schlug sie sich mit der flachen Hand mehrmals hintereinander auf den geöffneten Mund während ihr Kopf in einer eleganten aber müden Pendelbewegung mitging - gähn!, gähn!, gähn! How boring, boy!

Es war zum Verzweifeln. Spider, der DJ, hatte auf TecNo umgestellt. Remixes, 12 - Inch. Die Boxen gaben Maximalstoff und spätestens nach zwei, drei Songs werden hier alle in narzistische Trance verfallen. Der unbarmherzige Drumbeat hob das ganze Lokal auf eine riesige Sound - Welle und die Profis machten sich bereits daran, ihre Surfboards rauszuholen, um dann extrem ekstatisch von den höchsten Gipfeln mächtiger Techno - Brecher in die rauschende Tiefe des hämmernden Rhythmus zu gleiten.

Was für ein Abend, Sabine! Oh, Claudia! Es trafen mich Augen mit stecknadelgroßen Pupillen, Arme griffen nach mir, die, außer Kontrolle geraten, in immer denselben Zirkelbahnen zu gestischen Ellipsen verkamen, die Crew schlich hinter ihrer Bar herum, wie Dompteure vor ihren Raubkatzen, als erwartete sie jetzt und dann, daß die aufgepeitschte Menge plötzlich den Rachen aufreißt und sie allesamt verschlingt. Ich sage euch, Spider wob seine Netze mit reißfesten Dezibel. Ich habe es erlebt, wie Kids und Klunten, Youngsters und Yuppies, Puppies und Papas in seinen Magic - Mystical - Maschen zappelten. Verstand sein Handwerk, der gute MC. Ich sah Hannes mit dem Tausender - Blick herumstreifen, wenn ihr wißt, was ich meine. Mäuler, zu grinsenden Fratzen verzerrt, betrieben Konversation. Happy shiny people. Schneeweiße Titten hingen in der Hitze des Gefechtes halb aus hoffnungslos kleinen Bras und irgendjemand hielt ein Schild hoch, auf dem zu lesen war, daß 'er euch liebt'. Ich hielt es nicht mehr aus. Fish heads, sangen Sängerknabenstimmen in meinem Kopf, fish heads, fish heads, roly poly fish heads - fish heads, fish heads, eat them up, yum!

- Was heißt Murmeltier auf Englisch, schrie mir Claudia ins Ohr und erdete mich auf ihre sanfte aber betont straighte Art.

- Keine Ahnung, gab ich zurück. Mein Hemd war durchgeschwitzt, ich mußte mir erst mal eine Marlboro anzünden.

Es wurde jetzt unmöglich, sich der Langeweile zu entziehen und das Lokal kochte. Am Siedpunkt digitaler Energie ließ Spider das Thermometer weiter nach oben steigen. What is space fragten Microglobe auf ihrem tour de trance mix und gut 200 Leute gingen freiwillig mit auf die Reise durch den Kosmos ihres Inneren. Was sie wohl alle entdeckten, die Jünger der computerunterstützten Sound-Shamanen? Ein Gefühl wie ein kühles Glas vielleicht - bis an den Rand vollgefült mit monomanem Rubbish, hunderprozent recyclingfähig, Tag für Tag und Jahr für Jahr. Oder die wahnwitzige Erkenntnis, einmalig zu sein , etwa - ohne aber den blassesten Schimmer von Doppelgängern, Archetypen und dem ganzen Unify - Malstrom der Unterhaltungsindustrie zu haben.

Hier gab es jedenfalls nichts mehr zu tun für uns. Sabine und Claudia zogen sich in den Kokon nachmitternächtlicher Gesprächsgymnastik zurück und mir blieb nur noch eines: Mein Bier auszutrinken. Im Auto schwiegen wir. Der CD-Player lief. Postenergetische Depressionen fuhren mit. Am nächsten Tag traf ich eine Bekannte zufällig auf der Straße. Sie sagte, sie habe eine Kunst - Ausstellung bosnischer Flüchtlinge besucht und wo ich denn gewesen sei.

- Ich war im Sohm.

Sie zog ihre linke Augenbraue betont langsam rauf.

 

© hermann brändle, 1995. Published 1995, in: Kein Innen, Kein Außen. Vorarlberger Autorenverband, 1995.

top