torture garden
Sonnenstrahlen, heller als elektrisches Licht, rankten sich um die Silhouette. Sie flossen wie Quellwasser und tropften wie Morgentau. Gelbweiße Flammenzungen leckten an den Beinen empor. Kein Blitz, kein Donner, kein Rauch. Nur Stille. Und diese überladene, drückende Helligkeit. Ein Engel war herabgestiegen. Mit einem elegant grauen notebook unterm Arm.
- Ich brauch dein password.
- Refused, gab ich ohne zu zögern zurück.
Aufschauen mußte ich dann. Ihn anschauen.
Hold, hieß das Wort. Und das Wort wurde Bild. Ein Gesicht aus Milch. Haltbar bis in alle Ewigkeit. Die Haare im weichen Schwung der fifties. Brünett. Eine Stimmung wie auf Coca Cola-Plakaten aus der Monroe-Ära. Beachgirls damals, noch keine babes. Wunderschöne, schwarze leggins mit weißen Streifen an den Seiten. Goldene, barock ziselierte Brustwarzen ohne piercings. Hüften wie Stromlinien, Wirbel erzeugend. Es gibt keine Engel mit Titten, dachte ich. Herrgott, Engel haben keinen Busen. Engel sind neutral. Weder Frau, noch Mann. Sie haben Flügel, die ihnen aus den Schultern wachsen. Schwanenfedern. Schwingen, die den Himmel küssen.
Unter der engen Baumwollhose zeichnete sich keine panty-line ab. Nackt also, darunter also nackt. Ein Neutrum mit einer Vagina? Unmöglich. Die Möse, der Möse, der Möse, die Möse. Ist doch nicht sächlich. Vielleicht, beruhigte ich mich selbst, vielleicht sieht es unten wie bei der Scham von Schaufensterpuppen aus? Glatt. Ereignislos. Poliert. Hat nichts als eine leggins an. Ich könnte sie einfach runterziehen. Dann würde man schon sehen. Es erregte mich.
- Das ist keine Einstellung, sagte das Engel (neutr.).
- Sag mal, wie heißt du eigentlich?
- Cyberia. Nenn mich Cyberia.
- Komischer Name für einen Engel (masc.). Und du bist eine .....
- Eine Engelsgestalt, ja klar.
- Aber ich meine, deine Möpse.
- Die sind nicht für dich, mein Kleiner. Du zeigst zuwenig Kooperation.
Verweigert sich mir, untouchable. Zum Teufel mit meinem Schlüssenwort. Nichts als Mißverständnisse. Ich wollte schon immer schlauer als ander sein.
- Refused, wiederholte ich. Mein Paßwort heißt refused.
Cyberia klappte gekonnt ihr notebook auf. Kein langes Herumgetue mit dem Verschluß. Ihre langgliedriegen Virtuosenfingerchen legten sich sachlich über die Tastatur. 10-Fingersystem. Gelernt ist gelernt. In postindustriellen Mangerbüros, eventuell.
- Du hast nicht zufällig einen Telefonanschluß hier im Zimmer,?
Ohne meine Antwort abzuwarten schob sie eine Modemkarte in den seitlichen Port. Ich konnte nur staunen und zeigte mit einem Achselzucken auf das, wonach sie suchte.
- Und jetzt gehst du wohl online mit deinem Chef, was?
- Sei nicht albern, baby. Dort oben gibts keine PC's.
Sie nannte mich "baby". Engel dürfen so nicht sprechen. Nein, weißt du, wo ich herkomme, brauchen wir keine Chips. Oder so ähnlich hätte sie es ausdrücken und gleichzeitig schützend ihre zu einem Dach geformten Hände über meinen Scheitel halten müssen. Sie aber, Cyberia, gab gerade mein Paßwort in ihren laptop ein.
- Refused, richtig?
Ich nickte schwach. Das alles konnte doch nicht wahr sein. online, mit wem? AOL, wahrscheinlich. Sind die größten und die billigsten. Ihr Gesicht wurde jetzt vom Bildschirm in ein zartes Orange getaucht. Das Ding funktioniert also wirklich.
- Wir haben Post bekommen, ein Email von wise@word.tex
- Das bin ich, das ist meine Email-Adresse! Cyberia, verdammt noch mal....
Ich mußte ziemlich hoffnungslos ausgesehen haben. Das geht ja dann doch an die Nerven. Engel, die mit laptops in dein Leben schweben und dir weismachen wollen, daß du dir selbt ein E-mail geschrieben hast. Mensch! Fickende Hölle, pardon, das kommt einseins nicht so gut rüber: fucking hell!
Cyberia wandte sich mir zu. Topless, noch immer. Sie mußte meine Konfusion gespürt haben, denn sie begann, ohne daß ich danach verlangte, eine Geschichte zu erzählen. Nein, einen kleinen Trailer. Eine Vorschau auf das, was wir gemeinsam alles erleben können, wenn wir durch die Welt der Weisen Worte surfen. Ich spitzte meine Ohren und bellte vielleicht ein bißchen. Wuff! Wuff!
- Sei still. Stell dir einen Garten vor, begann sie. Ein Eden ohne Erlösung. Einen Garten, in dem nichts blüht als atemberaubend schöne Bilder. Grauenvoll, fesselnd. Die Pflanzen sind alle ausgestorben. Steine sprießen. Ein fröhliches Picknick auf Asphalt-Tischen. Und Straßen wachsen darin, so breit, daß du ein Mountainbike brauchst, um auf die andere Seit zu kommen. Laß, das. Nein, ich meine nicht Evas Schrebergarten. Keine religiösen Knospen. Unser Garten ist eine weite Wüste, ein paradiesisch trostloser Ort. Wunderbar. Einsam und klaustrophobisch zugleich. Vibrierend, lebendig, erschöpft und erschlagen. Gesprungene Glaskaskaden spiegeln das große Geld. Venues, Klamotten, schöne Girls. Saure Gesichter, die in der U-bahn verkümmern. Industrial. Tribal. Ein Porsche aus vergangener Zeit. Vielleicht. Schwarz, glänzend, mit einem Geruch von Lederpolsterung. Mädchenbeine wandern in hauchdünnen stockings. Mädchenhintern, die vor dir herschaukeln. Warte, bleib sitzen. Ein Mansion in Bloomsbury. Oder Clerkenwell. Du weißt, daß Virginia hier verwelkt ist. Aber jetzt fehlen dir 50 Pence, um einen Capuccino zu trinken. Ein herrliches Stück Land. Alles gedeiht. Nichts wächst. Der Regen hört nie auf. Überall Gestank. Blade-runner mäßig, ergreifend. Zeichen und Schilder wo du hinschaust, Neonröhren, die im Regenbogenspektrum blühen. Ja blossom, so siehts hier aus. Sei leise, falle nicht auf. Bleib zuhause, misch dich unter die Menge. Trete selbstbewußt auf. Mach dich stark . Flüstere, wispere, murmle, sprich mir nach: wellcome to the future, it's broken.
- Es reicht, Cyberia, genug.
Mit scheuen Augen sah sich mich direkt an und klickte nebenbei auf "open". Mein Email. Ich erwartete wenig und bekam nichts. Nichts als zapf dingbats. Ein Labyrinth aus Symbolen. Unleserlich für einen Alphabeten. Doch Cyberia konvertierte. Und dann gab der Bildschirm den Text frei. Er war mir so vertraut wie die Kultur der kernigen Lieder. Gemeinsam intonierten wir. Cyberia und ich.
Heute mittag fand ich ein leaflet im Briefkasten und kurz darauf hielt ich den Atem an. Klatsch, machte es, klatsch, tat es, klatsch, klang es. klatsch, lief der beat in meinem akustischen memory ab. Eine präzise Peinigung nackter Haut.
Das Flugblatt war in einem braunen A5-Kuvert gekommen. Name und Adresse handschriftlich geschrieben. Kein Absender, aber zugeklebt. Verschmierter Poststempel, das Datum konnte man jedoch entziffern. 700 PM 9 JNE 1995. Ich betone das deshalb, weil ich gewöhnlich meine Post nicht sofort öffne, sondern zuerst nur einen kurzen Blick auf Absender und Rundstempel werfe. Doch das half mir in diesem Falle nicht weiter und so schlitzte ich, neugierig geworden, die Brieflasche mit dem Postkastenschlüssel gleich auf. Zum Vorschein kam ein beidseitig bedruckter Handzettel mit einer bold gesetzten Kopfzeile:
Das war der Augenblick, als es rund um mich still wurde. Das Blatt vor mich hinhaltend, muß es so ausgesehen haben, als ob ich etwa konzentriert meine neue Telefonrechnung studiere und über deren Höhe ein bißchen schockiert bin. Tatsache war, daß meine Telefoniererei rein gar nichts mit den sounds in meinem Kopf zu tun hatte. Außer vielleicht mit jenem Anruf, der mich vier Tage Überwindung kostete bis ich zum Hörer griff und - als ich äußerlich vollkommen gelassen wieder auflegte - mir überraschenderweise ein date einbrachte.
Ich stand noch immer in der Eingangshalle, unschlüssig, mit einem Fuß schon auf der Treppe, die nach oben zu den Wohnungen führt. Seit einem halben Jahr lebte ich in Maida Vale - zusammen mit Anita Maria, meiner Freundin und Astrid from germany, unserer Mitbewohnerin.
Wir waren eine WG ohne 68er Sentimentalität. Wir teilten uns die Miete für einen großen Livingroom mit Ausblick auf die gegenüberliegenden Backstein-Häuserzeile, zwei geräumige Schlafzimmer, eine winzige TV-lounge, einen kleinen Arbeitsraum, Küche, Bad, Balkon. Für Londoner Verhältnisse angenehm weitläufig, für unsere finanziellen Möglichkeiten ziemlich eng ("Verdammt, schon wieder der monatliche Scheck fällig").
Als ich unsere Wohnungstüre hinter mir zumachte, empfing mich der Duft von Kaffee, den ich wie jeden Morgen dringend brauchte, um über den Tag zu kommen. Das time-out lag aufgeschlagen auf dem Küchentisch, einem runden, billigen Eßtischchen aus dem Hause Ikea.
Elastica hatten es in die Charts geschafft. Raquel Welch wurde von den Tabloids wegen ihrer Rolle in Shaw's The Millionairess fertiggemacht - a life-size Barbie doll. Und in Devon an der Südküste begann Wang Lee mit der Vefilmung von Jane Austins Sens & Sensibilities. In Soho spritzten zu dieser frühen Stunde städtische Reinigungsfahrzeuge den Dreck der Nacht von den Straßen.
Ich setzte mich auf meinem Lieblings-Klappstuhl und rauchte eine nach der anderen. Wenn ich sie treffen wollte, mußte ich den Fluß überqueren. South the river. Ich mußte in einer Zone, die mir nicht vertraut war. In ein Gebiet, in dem ich mich nicht auskannte. Ministry of Sound. Ein exzellentes Event des Torture Garden. Industrial Techno, Tribal, Fantasy Playroom, Dancefloor, Multimedia-Installationen. Mein Aschenbecher kotzte und würgte sich die letzte rein. Astrid sagte verschlafen "Guten Morgen" und bereitete ihren Tee für das Frühstück vor. Ihr Tag begann nach 12.
Am Abend machte ich mich leicht überreizt auf den langen Weg - mit der Bakerloo Richtung Elephant & Castle. Von dort zehn Minuten zu Fuß. Und dann stehst du in einer langen Schlange von unglaublich upgedressten leuten und wartest auf Einlaß. Am Eingang brannten Fassfeuer, deren ölige Rauchschwaden wie grob gewebtes Crepe de Chine in der schwarzen Nacht verschwand. Ein mächtiger Bouncer kontrollierte mein Ticket. Das erste, was mir drinnen entgegenschlug, war der Geruch von Leder und dann sah ich auch schon blankes Fleisch. Girls, die oben ohne herumliefen. Typen, deren nackte Ärsche wie Signale durch den Raum irrten. Ich war also im TG gelandet, south the river. Hier sollte ich sie treffen. Excellent crowd, excellent venue. Ein Mix aus Fetisch und alternativem Gothic. Im Innern des Ministry herrschte chaotisches Durcheinander. Es gab eine riesige Dancfloor mit Boxentürmen, die sich bis zur Decke strecken, einen Fetisch-Shop, eine Erotic-Video-Wand und den speziellen Fantasy Playroom. Dort standen freistehende, x-förmig aufgerichtete Holzbalken mit Lederanschnallgeschirr herum - zum whiplashing, wie ich gleich herausfinden sollte.
Ich organisierte mir erst mal ein shock und schaute mich überall um. Aber ich konnte sie nicht finden. Wie sollte ich auch. Der Laden war brechend voll und ich schätzte circa 1500 Lederleute in allen Schattierungen. Gepiercte, Tätowierte, Bemalte, in Ganzkörpergummi-Geschlüpfte, Uniformierte, Halbnackte, Ganznackte, Maskierte und Deformierte. Ich konzentrierte mich wirklich, strich durch alle Räume, ging treppauf, treppab - aber sie war nicht zu sehen. Da die Fashion-Performance erst um Zwei begann, mußte ich irgendwie die Zeit totschlagen und so zog es mich zu den Peitschen. Auf dem Weg dorthin mußte ichmanchmal an maskierten, männliche Sklaven vorbei, die, auf allen vieren am Boden kauernd, gutaussehende Girls - ihre Herrinnen - auf ihrem Rücken trugen. Unterwerfung hieß das Spiel. Sexy New Model Offers Extreme Correction Services. Loves to Dominte. Golden Showers, Bondage, Watersports, P.V.C., Uniforms, Domination, Oral Exams. Report to Madam Now!!
Ich kämpfte mich also mühsam durch die Leute und als ich im Peitschen-Raum ankam, hörte ich schon das Klatschen einer Hand auf, wie ich annahm, entblößtes Fleisch. Und so war es auch.
Ein blondes Girl, Gesicht zur Wand, Höschen bis zum Knie runtergezogen, umringt von relaxten Zuschauern, ließ sich ihren Po bearbeiten. Der Typ, der es ihr händisch besorgte, war ein großer, ca. 30ig jähriger Mann in schwarzem Cape und lächerlichem Militärkäppi. Sie stand mit dem Rücken zu den Leuten und ihr Bonbon schimmerte lecker zwischen ihren Hinterbacken hervor. Der Typ ging schließlich zur Lederpeitsche über und begann sehr rhythmisch und, wie ich neidlos registrieren mußte, gekonnt, den noch weißen Hintern der Lady zu peinigen.
Nach einiger Zeit färbte er sich leicht rot und das Mädchen zuckte bei jedem gut gesetzten Hieb auf. Ob aus Lust oder Schmerz, weiß ich nicht. Aber es schien so, alsob die Endorphine bereits wirkten. Die strokes kamen präzise und perfekt, hatten etwas Reines an sich, klärten die Atmosphäre, gaben dem Augenblick so etwas wie Wert. Lederpeitsche und nackte Frauenhaut. Ich starrte gebannt auf die Szene. Ich gestehe. Aber ich hatte keinen Steifen in der Hose, sorry. War eher etwas Visuelles, etwas für die Augen, aber immer mit den anregenden Konnotationen von Ritus und Reinigung, von Blöße und Bedeckung, von Kraft und Keuschheit, von Geschlecht und Geruch verbunden. Oh Leni,warum hast du nie einen Hardcore gedreht?
Die Umstehenden verschmolzen zu einem einzigen analytischen Blick. Hundert Augenpaare focusierten sich zu einer imaginären Laterna Magica, und der Körper des Girls wurde zum Interface, codierte Informationen zu simultanen Zuckungen, bot sich in einer leicht zu lesenen Benutzeroberfläche dar und die Peitsche arbeitete im strengen Muster des dualen "Ja" und "Nein". Es war die Askese, oder soll ich lieber sagen, die Ekstase?
Der Typ machte dann eine Pause und das Girl streifte sich ihr Höschen ganz runter und warf es, ohne sich umzudrehen, rückwärts in die Menge. Und wißt ihr was: Ich fing es auf, fischte mir den weißen Frisbee aus der Luft und roch dran. Weichspüler und Schweiß. Ich konnte nicht länger an mich halten. Ich schwor ihr die heiligsten Eide, verwirrt und verdreht, bedeckte ihre Knickers mit heißen Küssen, und eine salzige Träne rollte langsam über meine Wange, aufgefangen vom Kelch einer schneeweißen Lilie, die mitten aus meiner Brust sproß.
Das ist zumindest das, was man mir später erzählte, denn ich selbst war ohnmächtig geworden - hingestreckt auf den mit Bierdosen und Zigarettenstummeln übersähten Pirelli-Boden, zerschmettert wieder Junge mit den Wachsfkügeln, der der Sonne zu nahe kam. Ausgesetzt und preisgegeben.
Ich hatte sie noch immer nicht gefunden. Sanftes Rütteln brachte mich wieder in die Wirklichkeit zurück. Eine Unbekannte beugte sich über mich und lange schwarze Haare nahmen mir die Sicht.
Ich atmete den Duft von Blockflötenöl ein, holzig, harzig, herb. Eine weiche Stimme flüsterte "komm, steh auf" und eine Hand streckte sich mir entgegen. Zarte, sehnige Finger mit harten Kuppen - Kontrabaß oder Cello, vermutete ich - scannten meine Lipline ab und bevor ich mich entgültig erhob, blickte ich in eine Iris, deren smaragdgrüner Farbe meine dunkle Ray Ban wiederspiegelte. Sie lotste mich durch die bunten Clubbers und wir versanken in einem ziemlich weichen Sofa, das mit Zebramustern überzogen war.
Cyberia sah mich fragend an und als ich nickte, scrollte sie den Text weiter.
- Du solltest dir solches Zeug lieber im Fernsehen anschauen, sagte meine Retterin. Ich grinste möglichst verschlagen, nahm einen großen Schluck aus ihrem mir angebotenen Bierglas und ließ sie wissen, daß ich noch eine Stunde Zeit hätte, bevor die Show anfangen würde.
- Das sollte reichen.
Sie war das reinste Sahnetörtchen. Ehrlich. Eine volle Luxusschnitte. Ihre Haare könnten aus der Requisite eines Geronimo-Movies gekommen sein. Schwarz, mit einem Stich ins Stahlblaue. Betonte Wangenknochen, blasses Gesicht, kirschroter Mund und Augen, denen ich hoffnungslos in die Falle ging. Grün und tief, von der Konsistenz eines lange über Mineralien gelagerten stillen Gebirgswassers. An Kleidung hatte sie nicht viel an sich und ihre Füße steckten in abgetragenen, aber in der Highstreet gekauften, Doc Martens.
An ihrem linken Ringfinger trug sie ein rätselhaftes Emblem aus Silber. Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, was es wohl darstellen soll, rieb sie mir meine Ohrläppchen bis sie ganz warm waren.
- Entspann dich.
Ich lehnte mich zufrieden zurück und lauschte ihrer Stimme, deren eigenartige Monotonie mich weit, weit fort trug. In ein Land, wo es noch echte Pornographische Filme gab, Fick-Kunst in Eastman Colour. Nicht diese Internetscheiße, diese digitalen Wichsereien auf CD-Rom. Nein, handfeste Pornos, auf 35mm gebannt, mit Schauspielern die ihre Rolle mit, tja, aktiver Hingabe spielten.
- Weißt du, ich war nicht immer im Sexbusiness, eigentlich mag ich am liebsten Pferde, Lippizaner, die weißen.
Und ich konnte sie mir extrem gut vorstellen. Hoch zu Roß, nackt, Zabriski- Point- mäßig, mit wettergebräunter Haut. Klar, sie war eine Reiterin. Wie ihre Mutter eine gewesen war? Kaspar läßt grüßen. Und dann erzählte sie mir ihre Geschichte. Eine Stunde lang. Und sie hatte recht. Das Timing war perfekt.
Sie sagte, sie heiße U. Und sie war schon als kleines Mädchen nicht der Typ, der mit Puppen spielte. Aufgewachsen in recht bürgerlichen Verhältnissen in Little Venice, verbrachte sie ihre Jugendjahre im Internat, wie sich das für höhere Töchter anschickte. Ihr Vater hatte einen Vorstandposten bei BT und ihre Mutter war leidenschaftlich mit allen möglichen New Age Zirkeln verbunden.
Die junge U. liebte Pferde und Bücher - sie hatte ganze Kisten davon. Volle Tage konnte sie damit verbringen auf einer Chaiselounge - sie erwähnte den Namen einer berühmten Designerin - zu liegen und kreuz und quer durch die verschiedensten Romane zu lesen. Wie sich andere leute durchs TV-Programm zappen, las sie immer mehrere ihrer aktuellen Lieblingsbücher gleichzeitig.
Doch an einem herrlich warmen Frühlingstag, kurz nach ihrem 16. Geburtstag, legte sie die Taschenbuchausgabe ihres Kafkas, ich glaube sie sagte "Die Strafkolonie", beiseite und konnte von da an keine Zeile mehr lesen, ohne von unendlicher Langeweile gepackt zu werden. Und ich meine die wirkliche Langeweile, bleiern, lähmend, paralysierend. Leseblockade.
Sie ließ diesen Lebensabschnitt ohne Bedauern hinter sich und wechselte auf die wilde Seite des Lebens. Was nichts anderes bedeutete, daß Sie zur Droge griff. Selbst bald heroinsüchtig, begann sie, mit immer größeren Summen zu dealen. Das Geld stahl sie. Der Rausch hatte für sie eine unwiderstehliche Qualität. Er glamorisierte ihr recht durchschnittliches Dasein. Und gleichzeitig war er die Sünde schlechthin. Während die anderen Mädchen im College East 17- und Take That-Poster sammelten und tagelang von den gigs erzählen konnten, gab sich die junge U. der dionysische Umarmung des synthetisierten Mohns hin.
- Weißt du, wenn du nie gespritzt hast, kannst du das gar nicht verstehen.
Schon die Jagd nach dem Zeug war pures Adrenalin. Die Szenerie wie in einem B-Movie aus den Sechzigern. Telefonate. Treffpunkte. Taktik. Nachtzeit. Betrug. Treueschwüre. Triumph. Und der Ritus der Vorbereitung des Schusses bekam eine sexuelle Dimension. Im abgedunkelten Zimmer sitzend - die Welt blieb draußen - konnte man die Droge mit einem einfachen Silberlöffel und einem Plakstikfeuerzeug zum Leben erwecken, bevor man sie über einen Zigarettenfilter auf die Spritze aufzog. Sie wurde zum Objekt und war, je nach Verschitt, zu 30 bis 50% jungfräulich. Eine Blume, die sich ohne Vorspiel öffnet. Ein Phallus, der den ganzen Körper penetriert. Eine Lust, die sich über Angebot und Nachfrage definiert.
Die junge U. liebte diese Momente äußerster Klarheit, sie verglich es mit einem Reinigungsritual, in das nur Eingeweihte Einblick haben. Und auch nur als solche den psychischen Thrill fast pavlownesk nachvollziehen können.
Wir wurden kurz unterbrochen, als uns ein Ledermann eine Reitergerte anbot, um ihn zu schlagen. Wir lehnten ab.
copyright, hermann braendle, london 01/96