wuff, wuff, falafel king
Mal angenommen, du würdest im falafel king sitzen. In der Portobello Road, am unteren Ende, dort wo die Touristen nicht hinkommen. Oder zumindest nicht so viele. Mal angenommen, du hättest eine frisch gemachte Falafel in der Hand, mit Salat drin und Chilli und Humus und zwei drei Falafeln, alles in ein Pitta-Bread eingewickelt und das wiederum in eine leuchtend weiße Serviette.Mal angenommen, dir wäre unterm Essen etwas langweilig und du würdest zum Fenster hinaus auf die Straße schauen. Dann könntest du vielleicht eine Szene verfolgen, die sich mitten unter den samstäglichen Shoppern, von niemandem beachtet, entfaltet.
Aus einem großen grauen Bedford-Van, richtig, den braucht man, wenn man hier auf dem Markt etwas verkaufen will, man muß ja die Klamotten, die Antiques, den Ramsch und den Glitter auch transportieren, steigt ein schätzungsweise fünfzig-Jahre-alter Mann aus, der blaue, schon etwas abgetragene Levis-Jeans trägt und einen grünen Wollpullover, sodaß es vom falafel king aus gesehen, der zumindest 30 Meter vom Transporter entfernt ist, so aussieht, als ob der Mann von der Hüfte aufwärts in ein grünes Nest aus Gras gesteckt wurde, in dem wiederum ein kleiner, aber voll ausgewachsener Hund, es könnte sich um eine Straßen-Mischung handeln, mit kurzen braunen glatten Haaren, nestet, der von den Armen des Mannes, ja von hier aus sieht es liebevoll aus, wie ein Baby gehalten wird, also schützend und beschützend und nachdem der Mann ein paar Schritte gelaufen ist, ganz behutsam auf dem Gehsteig abgesetz wird. wuff, wuff, bellt der Kleine und beginnt einen ausgedehnten Schnüffel-Spaziergang mitten durch ausweichende Beine. Caring, sagen die Engländer dazu. Der Mann kümmert sich gut um seinen vierbeinigen Freund, scheint es.
Mal angenommen, du hättest deine Falafel schon fast aufgegessen, als dir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf schösse. Nein, nein, würdest du denken, nicht möglich, hab's doch mit eigenen Augen gesehen, wie zärtlich der Mann den Hund behandelt. Mal angenommen, du ließest es zu, daß die zwei beobachteten Freunde eigentlich zwei Feinde sind, dann müßtest du die nette Geschichte zu einem häßlichen Papierknäuel zusammenquetschen und vor dich hinlegen. Weit weg.
In einem großen grauen Bedford Van, von draußen hört man überhaupt nichts, weil die Scheiben raufgedreht sind, jault ganz erbärmlich ein kleiner Hund, seine kurzen glatten braunen Haare durchgeschwitzt von der vielen Angst und vom Schmerz und sieht unsicher, wann der nächste Schlag wohl kommt, einem circa fünfzig-Jahre-alten Mann, jetzt kennen wir ihn ja schon, in die Augen, bettelt stumm, endlich aufzuhören, kann es aber nicht sagen, weil Hunde ja nicht reden können, kann nur strampeln im eisernen Griff und knurren, was sofort als Trotz begriffen wird und weitere Schläge nach sich zieht, bis schließlich Ruhe herrscht, der Kleine seine Prügel bezogen hat, warum, kann er nicht fragen, würde sich auch nicht empfehlen, denn die Tortur hat aufgehört und sein Herrchen krault ihn jetzt wieder und flüstert in sein schlaffes Ohr: good boy, good boy..... was er natürlich nicht verstehen würde, aber mitkriegte, wie die Autotüre von innen geöffnet und er sicher in starken Armen wie ein Baby nach draußen getragen wird. Hinaus auf die Straße. Hinter sich die Pein.
copyright, hermann braendle, london 05/99